Ein Wirkstoff aus der Transplantationsmedizin soll Hunden ein längeres, gesünderes Leben ermöglichen. So jedenfalls lautet die Hypothese, die das Dog Aging Project in den USA derzeit in einer großen klinischen Studie überprüft.
Wie belastbar die bisherigen Daten sind und was sie für deinen Hund bedeuten, haben wir uns genauer angesehen.
Altes Medikament mit neuer Fragestellung
Der Wirkstoff Rapamycin ist seit Jahrzehnten bekannt. In der Humanmedizin wird das Medikament nach Organtransplantationen eingesetzt, um eine Abstoßung des Spenderorgans zu verhindern. Dafür sind hohe Dosen nötig, die das Immunsystem deutlich unterdrücken.
Für die Alternsforschung ist ein anderer Effekt interessant. Rapamycin hemmt ein Enzym namens mTOR, das in der Zelle als eine Art Schaltstelle fungiert. Es entscheidet mit, ob eine Zelle wächst und sich teilt oder ob sie beschädigte Bestandteile abbaut und recycelt. Diesen Aufräumprozess nennt man Autophagie. Wird mTOR gebremst, verschiebt sich das Gleichgewicht weg von der Zellteilung in Richtung Reparatur.
Bei Mäusen ist dieser Zusammenhang gut untersucht. In mehreren unabhängigen Studien lebten die Tiere unter Rapamycin länger, auch wenn die Behandlung erst im mittleren Lebensalter begann. Der Effekt war allerdings abhängig von Dosis und Geschlecht.
Das Dog Aging Project
Das Dog Aging Project ist ein Forschungsprogramm der University of Washington und der Texas A&M University. Seit 2019 werden darin Daten von inzwischen über 50.000 Hunden aller Rassen gesammelt. Halter:innen und Tierärzt:innen dokumentieren über Jahre hinweg Gesundheit, Lebensumstände und Verhalten der Tiere. Ziel ist es, besser zu verstehen, wie Hunde altern und welche Faktoren darauf Einfluss haben.
Forschende erhoffen sich davon zudem Fortschritte für die Langlebigkeitsforschung beim Menschen: Hunde teilen unseren Alltag und damit viele Umweltfaktoren. Sie entwickeln im Alter ähnliche Erkrankungen wie wir, etwa Tumoren, Herz- und Nierenerkrankungen oder Arthrose. Zudem altern sie deutlich schneller als der Mensch, sodass sich Effekte in wenigen Jahren beobachten lassen. Anders als Labormäuse leben Familienhunde außerdem unter realen Bedingungen, was die Aussagekraft der Ergebnisse erhöht.
Die TRIAD-Studie
Ein Teil des Projekts ist die Interventionsstudie TRIAD (Test of Rapamycin in Aging Dogs). Hier wird erstmals in großem Maßstab geprüft, ob Rapamycin die gesunde Lebensspanne von Hunden verlängern kann.
Vor TRIAD wurden zwei kleinere Studien durchgeführt, beide randomisiert, verblindet und placebokontrolliert:
2017 erhielten 24 gesunde Hunde mittleren Alters über zehn Wochen entweder eine niedrige Dosis Rapamycin oder ein Placebo. Klinisch relevante Nebenwirkungen traten nicht auf, die Blutwerte blieben im Normbereich. In der Ultraschalluntersuchung des Herzens zeigten die behandelten Hunde Hinweise auf eine verbesserte Herzleistung. Am deutlichsten war dieser Effekt bei den Tieren, deren Herzfunktion zu Beginn am schwächsten war. 2023 folgte eine zweite Studie mit 17 Hunden, die sechs Monate lang behandelt wurden. Auch hier wurde Rapamycin gut vertragen, einen messbaren Effekt auf die Herzfunktion fanden die Forschenden jedoch nicht.
Beide Arbeiten liefern wertvolle Daten zur Dosierung und Sicherheit. Aufgrund der geringen Tierzahl und der kurzen Dauer erlauben sie jedoch keine Aussage darüber, ob Rapamycin das Leben von Hunden verlängert und ob es langfristig gut verträglich und sicher ist.
Mögliche Risiken von Rapamycin
Rapamycin ist in Europa für Hunde nicht zur Verlängerung der Lebensspanne zugelassen. Eine solche Anwendung wäre ein sogenannter Off-Label-Use, also eine Verwendung außerhalb der Zulassung. Außerdem wäre sie ethisch hoch fragwürdig: Wirksamkeit und Langzeitsicherheit sind für diese Anwendung bisher nicht belegt. Und Altern ist erst einmal ein natürlicher Prozess, keine Erkrankung, für deren Therapie man ein solches Risiko in Kauf nehmen könnte.
Aus Studien und Fallberichten sind folgende Risiken bekannt:
- eine dosisabhängige Schwächung des Immunsystems mit erhöhter Infektanfälligkeit
- Veränderungen im Fettstoffwechsel, beschrieben etwa bei einem gesunden Labrador, dessen Blutfettwerte unter einer Langzeitbehandlung stark anstiegen, ohne dass er Symptome zeigte
- mögliche Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit, weshalb unkastrierte Hunde von TRIAD ausgeschlossen wurden
- eine verzögerte Wundheilung, wie sie beim Menschen unter Rapamycin beobachtet wird
Von einer Beschaffung über das Internet und einer eigenständigen Dosierung raten wir daher dringend ab!
Die Risiken rechtfertigen aktuell noch keine versuchsweise Nutzung mit Hoffnung auf ein längeres Leben deiner Fellnase. Zudem beinhaltet der Bezug über das Internet immer das Risiko, im besten Falle ein wirkungsloses, im schlimmsten Falle ein schädliches Medikament zu erhalten, dessen Qualität nicht geprüft ist.
Wie geht es weiter?
Neben der akademischen Forschung arbeiten auch Unternehmen an Medikamenten für ein gesundes Altern bei Hunden. Das US-Unternehmen Loyal entwickelt mit LOY-002 eine Tablette für Hunde ab zehn Jahren. Nach Angaben des Unternehmens hat die US-Arzneimittelbehörde FDA bereits die Unterlagen zur erwarteten Wirksamkeit und zur Sicherheit akzeptiert. Die entscheidende Wirksamkeitsstudie mit rund 1.300 Hunden läuft noch. Für ein zweites Präparat, LOY-003, eine täglich einzunehmende Tablette für große und sehr große Hunde, hat die FDA im September 2026 ebenfalls die Unterlagen zur erwarteten Wirksamkeit akzeptiert. Ob und wann eine Zulassung erfolgt, ist offen.
Was du heute schon für deinen Hund tun kannst
Unabhängig von neuen Wirkstoffen gibt es Maßnahmen, deren Nutzen für ein gesundes Altern bereits gut belegt ist. Dazu gehören:
- Moderates Körpergewicht über das gesamte Hundeleben: Übergewicht hat viele negative Auswirkungen auf den Organismus.
- Bedarfsgerechte Fütterung: Versorgung mit allen notwendigen Mineralien, Vitaminen und Spurenelementen, angepasst an den Gesundheitszustand.
- Regelmäßige und gelenkschonende Bewegung
- Zahnhygiene: Regelmäßiges Zähneputzen mit Hundezahnpasta, Kausticks und mindestens einmal im Jahr professionelle Zahnreinigung, bei bereits bestehenden Problemen auch öfter.
- Ausreichend geistige Beschäftigung: Nicht nur Toben, auch Knobeln, Suchen und Neues lernen halten fit.
Außerdem helfen regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen in der tierärztlichen Praxis, altersbedingte Veränderungen früh zu erkennen und rechtzeitig zu behandeln.
Fazit
Rapamycin zählt zu den am intensivsten untersuchten Kandidaten in der Alternsforschung beim Hund. Niedrige Dosen waren in kleinen Studien gut verträglich. Eine erste Studie deutete auf einen positiven Effekt auf die Herzfunktion hin, eine zweite konnte das nicht bestätigen.
Ob Hunde durch die Behandlung tatsächlich länger und gesünder leben, soll die TRIAD-Studie klären.
Bis Ergebnisse vorliegen, bleiben bewährte Maßnahmen wie Gewichtskontrolle, Bewegung und regelmäßige Vorsorge die wichtigste Grundlage. Wenn du Fragen zum Älterwerden deines Hundes hast, sprich deine Tierärztin oder deinen Tierarzt darauf an.
Quellen
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Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Wende dich bei gesundheitlichen Fragen zu deinem Tier an deine Tierärztin oder deinen Tierarzt – bei Notfällen umgehend an eine tierärztliche Notdienststelle oder Tierklinik.