Die chronische Nierenerkrankung (CNE, früher CNI) ist eine der häufigsten Erkrankungen älterer Katzen und eine der häufigsten Todesursachen in dieser Altersgruppe.
Das Tückische: Die Nieren haben eine große Reservekapazität. Wenn die ersten Symptome — vermehrtes Trinken, Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit — sichtbar werden, sind in der Regel bereits zwei Drittel des Nierengewebes funktionslos. Eine Heilung ist dann nicht mehr möglich, aber das Fortschreiten der Erkrankung lässt sich in vielen Fällen verlangsamen.
Aus Sicht der Altersforschung ist die CNE kein plötzliches Ereignis, sondern ein schleichender Prozess, der sich über Monate bis Jahre entwickelt. Je früher er erkannt wird, desto mehr Handlungsspielraum besteht.
Warum Katzennieren besonders empfindlich sind
Katzen sind evolutionär auf eine fleisch- und feuchtigkeitsreiche Ernährung ausgelegt. In der Wildnis nehmen sie den Großteil ihres Flüssigkeitsbedarfs über die Beute auf. Ihre Nieren sind entsprechend darauf eingestellt, konzentrierten Urin zu produzieren und mit wenig Wasser auszukommen — eine sinnvolle Anpassung für Wüstengebiete.
In der Haustierhaltung kann dieses Prinzip zum Problem werden, wenn Katzen überwiegend Trockenfutter erhalten und insgesamt zu wenig trinken. Ob eine dauerhaft geringe Flüssigkeitsaufnahme tatsächlich zur Entstehung einer CNE beiträgt, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt, der Zusammenhang gilt jedoch als plausibel.
Auf zellulärer Ebene bestehen die Nieren aus sogenannten Nephronen, dies sind die eigentlichen Filtereinheiten. Nephrone können sich nicht regenerieren: Einmal zerstörtes Nierengewebe wird durch funktionsloses Narbengewebe (Fibrose) ersetzt. Die verbleibenden Nephrone übernehmen kompensatorisch mehr Arbeit, was langfristig auch sie belastet und final zerstört.
Früherkennung: Warum regelmäßige Vorsorge wichtig ist
Tierärztliche Fachgesellschaften empfehlen für Katzen ab etwa 7 Jahren regelmäßige Blut- und Urinkontrollen. Zwei Werte sind dabei besonders aufschlussreich:
- SDMA-Wert: Dieser Biomarker im Blut kann bereits ansteigen, wenn rund 25–40 % der Nierenfunktion beeinträchtigt sind – also deutlich früher als der klassische Kreatinin-Wert, der erst bei weiter fortgeschrittener Schädigung reagiert.
- Urindichte (spezifisches Gewicht): Sie zeigt, wie gut die Nieren den Urin noch konzentrieren können. Ein Abfall ist ein frühes Warnsignal, das im Zusammenhang mit weiteren Befunden bewertet werden sollte.
Wichtig: Beide Werte sollten immer in Kombination und im Kontext des Gesamtbilds durch eine Tierärztin oder einen Tierarzt beurteilt werden. Erhöhte Werte allein sind noch keine Diagnose.
Was Tierhalter tun können
Die folgenden drei Bereiche sind zur Begleitung der chronischen Nierenerkrankung bei Katzen wissenschaftlich gut belegt. Sie ersetzen keine tierärztliche Behandlung, können aber ergänzend dazu beitragen, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen und damit Lebensqualität und -dauer unserer Stubentiger zu erhöhen.
1. Ausreichende Flüssigkeitsversorgung
Nahrungsfeuchte ist für Katzen die natürlichste Form der Wasseraufnahme. Frischfleisch und Beutetiere bestehen zu etwa 70 % aus Wasser, Trockenfutter dagegen nur zu rund 10 %. Wenn Katzen hauptsächlich Trockenfutter erhalten und dazu nicht ausreichend trinken, kann dies die Nieren belasten.
Nassfutter oder eine Kombination aus Nass- und Trockenfutter kann die Flüssigkeitsaufnahme deutlich verbessern. Zusätzliche Trinkquellen (Brunnen, mehrere Schalen) können ebenfalls hilfreich sein. Viele Katzen bevorzugen zudem Regenwasser, sodass besonders Freigänger häufig draußen trinken.
2. Phosphorgehalt im Futter
Bei geschädigten Nieren kann überschüssiger Phosphor nicht mehr ausreichend ausgeschieden werden. Ein erhöhter Phosphatspiegel im Blut beschleunigt nachweislich das Fortschreiten der Nierenerkrankung. Phosphatarmes Diätfutter ist daher ein sehr wichtiger Baustein in der Behandlung der CNE.
Spezielle Nierendiäten sollten aber nur auf tierärztlichen Rat eingesetzt werden, da sie gleichzeitig proteinreduziert sind, was bei gesunden Katzen oder in frühen Krankheitsstadien nicht sinnvoll ist.
3. Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA)
Tierärztliche Studien zeigen, dass die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA bei Katzen mit CNE unterstützend wirken können. Sie
- dämpfen Entzündungsprozesse im Nierengewebe
- senken den intraglomerulären Druck (Filterstress)
- reduzieren den Proteinverlust über den Urin (Proteinurie)
Wichtig dabei: Katzen können die pflanzliche Omega-3-Vorstufe Alpha-Linolensäure (ALA, aus Lein- oder Hanföl) nicht in Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) umwandeln, da ihnen das dafür nötige Enzym fehlt. Für einen messbaren Effekt ist daher marine EPA und DHA aus Fischöl oder Algenöl nötig.
Dosierung und Anwendung sollten mit der Tierärztin oder dem Tierarzt abgestimmt werden, da Omega-3-Fettsäuren in hohen Mengen die Blutgerinnung beeinflussen können.
Zusammenfassung
Die chronische Nierenerkrankung ist bei älteren Katzen häufig, aber kein zwangsläufiges Schicksal. Wer ab dem siebten Lebensjahr seiner Katze regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt, kann Veränderungen früh erkennen. Im Zusammenspiel mit einer geeigneten Ernährung (ausreichend Feuchtigkeit, kontrollierter Phosphorgehalt, marine Omega-3-Fettsäuren) lässt sich das Fortschreiten einer CNE in vielen Fällen deutlich verlangsamen.